Ja, es ist normal, dass sich die Zeit zwischen den Herzschlägen ändert. Ein gesundes Herz ist kein Metronom: Selbst wenn Sie ruhig sitzen, ist jeder Abstand zwischen zwei Schlägen etwas länger oder kürzer als der davor.
In dieser Lektion sehen Sie, warum die Herzfrequenz nur ein Durchschnitt ist, wie Ihre Atmung die Schläge näher zusammen- und weiter auseinanderrückt und wie Sie diese normale Veränderung von Beschwerden unterscheiden, die in ärztliche Hände gehören.
Die Herzfrequenz ist ein Durchschnitt
Das Herz hat einen eigenen natürlichen Schrittmacher, eine kleine Zellgruppe im rechten Vorhof, der oberen rechten Herzhöhle. Bei jedem Schlag beginnt dort ein elektrisches Signal, das sich durch das Herz nach unten ausbreitet und es zusammenziehen lässt. In Ruhe ist bei Erwachsenen eine Herzfrequenz von 60 bis 100 Schlägen pro Minute (S/min) normal.
Bei 60 S/min würde man meinen, das Herz schlage exakt einmal pro Sekunde. So ist es nicht. 60 S/min sagt nur, wie viele Schläge in eine Minute passen. Die Schläge selbst folgen in ungleichen Abständen aufeinander.
Hier fünf Abstände zwischen den Herzschlägen eines Menschen in Ruhe, bei etwa 60 S/min:
| Schlag | Abstand in Sekunden | Abstand in Millisekunden |
|---|---|---|
| 1 bis 2 | 0,95 | 950 |
| 2 bis 3 | 1,04 | 1.040 |
| 3 bis 4 | 0,98 | 980 |
| 4 bis 5 | 1,06 | 1.060 |
| 5 bis 6 | 0,97 | 970 |
Die fünf Abstände ergeben zusammen 5,00 Sekunden; der Durchschnitt beträgt also genau 1 Sekunde oder 60 S/min. Trotzdem gleicht kein Abstand dem anderen. Der kürzeste und der längste unterscheiden sich um 0,11 Sekunden.
Hier sind dieselben fünf Sekunden als Schläge auf einer Zeitachse dargestellt, darüber ein Metronom, das mit 60 S/min tickt. Beide Zeilen enden mit demselben Schlag; nur die Schläge des Herzens kommen ein wenig zu früh oder zu spät.
Ein Metronom mit 60 S/min
Ein ruhendes Herz mit 60 S/min
Zwei Zeilen mit Strichen auf einer Zeitachse. Die obere Zeile ist ein Metronom: fünf Schläge in Abständen von genau 1,00 Sekunden. Die untere Zeile ist ein ruhendes Herz: fünf Schläge in Abständen von 0,95, 1,04, 0,98, 1,06 und 0,97 Sekunden, die gegenüber dem Metronom etwas zu früh oder zu spät kommen, während beide Zeilen nach fünf Sekunden gemeinsam enden.
Wer das Herz erforscht, beschreibt den normalen Ruherhythmus als „hochgradig unregelmäßig“, wenn man ihn Schlag für Schlag betrachtet. Ihre Uhr oder App glättet das, wenn sie Ihnen eine einzelne Herzfrequenz zeigt.
Genauer hinsehen: die Zeit zwischen den Schlägen
Um die Abstände zu sehen, muss man die Zeit in kleinen Einheiten messen. Die Herzfrequenzvariabilität (HRV) rechnet in Millisekunden (ms). Eine Millisekunde ist eine Tausendstelsekunde; 1,04 Sekunden sind also 1.040 ms.
Im EKG EKG Eine Aufzeichnung der elektrischen Aktivität des Herzens mit Elektroden auf der Haut. RR-Intervalle aus dem EKG sind die Referenzmethode für die Messung der HRV. Mehr zu EKG erzeugt das elektrische Signal des Herzens bei jedem Schlag eine hohe, spitze Zacke. Sie heißt R-Zacke. Die Zeit von einer R-Zacke zur nächsten ist das RR-Intervall RR-Intervall Die Zeit von einem Herzschlag zum nächsten, gemessen in Millisekunden zwischen den R-Zacken eines EKG. Die HRV wird aus einer Folge dieser Intervalle berechnet. Mehr zu RR-Intervall . Jeder HRV-Wert wird aus diesen Intervallen berechnet.
Eine EKG-Kurve mit vier hohen Spitzen, den R-Zacken. Die Abstände zwischen ihnen sind mit 0,98; 1,06; 0,95 Sekunden beschriftet; keine zwei Abstände sind also gleich.
Sehen Sie sich die Abstände unter der Kurve an. Sie betragen 0,98, 1,06 und 0,95 Sekunden. Die Herzfrequenz ändert sich über diese wenigen Schläge kaum, der zeitliche Abstand der Schläge aber schon.
Die Herzfrequenz und das Timing der einzelnen Schläge beantworten zwei verschiedene Fragen:
- Die Herzfrequenz fragt: Wie viele Schläge gibt es in einer Minute?
- Das Timing der Schläge fragt: Wie lang ist jeder Abstand, und wie stark ändert er sich von einem Abstand zum nächsten?
Bei der HRV geht es um die zweite Frage. In der nächsten Lektion sehen Sie, wie aus einer Folge von RR-Intervallen zuerst ein Bild und dann ein einzelner Wert wird. Wenn Sie die beiden Begriffe jetzt schon vergleichen möchten, lesen Sie HRV oder Ruheherzfrequenz.
Einatmen, ausatmen
Einer der wichtigsten Gründe, warum sich die Abstände in Ruhe ändern, ist die Atmung. Beim Einatmen schlägt das Herz etwas schneller, die Abstände werden also kürzer. Beim Ausatmen schlägt es langsamer, die Abstände werden länger. In der Fachsprache heißt das respiratorische Sinusarrhythmie Respiratorische Sinusarrhythmie Der normale Anstieg der Herzfrequenz beim Einatmen und ihr Abfall beim Ausatmen. Sie wird vom Vagusnerv gesteuert und macht einen großen Teil der HRV in Ruhe aus. Mehr zu Respiratorische Sinusarrhythmie . Trotz des Namens ist sie normal.
Sie können es selbst spüren. Atmen Sie langsam und gleichmäßig und legen Sie einen Finger auf den Puls. Bei langsamen, tiefen Atemzügen ist der Effekt leichter zu bemerken als bei schnellen, flachen. Die Übung am Ende dieser Lektion führt Sie Schritt für Schritt hindurch.
Oder sehen Sie es sich zuerst an. Atmen Sie mit dem Kreis unten mit und beobachten Sie die Schläge darunter: Die Schläge rücken zusammen, wenn der Kreis wächst, und auseinander, wenn er schrumpft. Das Tempo beginnt bei sechs Atemzügen pro Minute, wo der Ausschlag am größten ist. Schieben Sie den Regler auf zwölf oder fünfzehn, ein normales Ruhetempo, und beobachten Sie, wie der Ausschlag kleiner wird.
Atmen Sie und beobachten Sie Ihr Herz
Ein Lehrmodell, keine Messung
- Herzfrequenz
- 60 S/min
- RMSSD
- 46 ms
Letzte 30 Sekunden
Dieses Bild bewegt sich, wenn JavaScript aktiviert ist.
Ein Atemkreis wird bei jedem Einatmen größer und bei jedem Ausatmen kleiner. Ein Streifen mit Herzschlägen darunter zeigt, wie die Schläge beim (schattierten) Einatmen enger zusammenrücken und beim Ausatmen auseinandergehen. Eine Linie unter dem Streifen zeigt den Abstand vor jedem Schlag: Er sinkt beim Einatmen und steigt beim Ausatmen. Ein Regler stellt das Tempo von 4 bis 15 Atemzügen pro Minute ein, und Anzeigen nennen Herzfrequenz und RMSSD der letzten 30 Sekunden. Die Schwankung ist bei etwa 6 Atemzügen pro Minute am größten.
Das Muster wiederholt sich mit jedem Atemzug. Wenn Sie also etwa 12-mal pro Minute atmen, steigt und fällt auch Ihre Herzfrequenz etwa 12-mal pro Minute. Ihr Nervensystem erledigt das ganz automatisch, und Lektion 3 erklärt, welche Nerven daran beteiligt sind.
Genauer betrachtet Warum folgt das Herz dem Atem?
Die vollständige Antwort kennt noch niemand. Einer Hypothese zufolge hilft das Muster Herz und Lunge, als Team zusammenzuarbeiten. Grossman und Taylor (2007) vermuten, dass es hilft, Atmung und Blutfluss aufeinander abzustimmen, wenn sich der Energiebedarf des Körpers ändert. Ihre Übersichtsarbeit warnt auch, dass die Größe dieses Atemeffekts davon abhängt, wie schnell und tief Sie atmen, er also für sich genommen kein reines Maß für irgendetwas ist.
Warum etwas Variation ein gutes Zeichen ist
Ein Herz, das von einem Schlag zum nächsten schneller und langsamer werden kann, ist ein Herz, das reagiert. Der Körper passt sich ständig an: an die Atmung, an das Aufstehen, an ein Geräusch im Nebenzimmer. Kleine, ständige Veränderungen im Zeitpunkt der Schläge sind ein Zeichen dafür, dass diese Anpassungen funktionieren.
In der Forschung wurde eine niedrigere HRV mit einem höheren Risiko für spätere gesundheitliche Probleme in Verbindung gebracht. Mehr Variation ist aber nicht immer besser. Manche Arten zusätzlicher Variation stammen aus fehlerhaften Daten oder aus Rhythmusstörungen, nicht aus einem gesunden Herzen. Lektion 4 behandelt das ausführlich.
Merken Sie sich vorerst: Bei einem gesunden Menschen in Ruhe sollen sich die Abstände zwischen den Schlägen ändern.
Wenn ungleichmäßige Schläge etwas anderes sind
Die normale Veränderung von Schlag zu Schlag ist klein und fließend. Meist können Sie sie gar nicht spüren, es sei denn, Sie achten beim langsamen Atmen genau darauf.
Manche Empfindungen sind anders, und die HRV misst sie nicht:
- das Gefühl, das Herz klopfe oder rase
- das Gefühl, das Herz habe einen Schlag ausgelassen oder einen zusätzlichen gemacht
- ein Puls, der schnell und chaotisch wirkt, ohne gleichmäßiges Muster
Diese Empfindungen heißen Herzklopfen oder Herzstolpern (Palpitationen). Meistens sind sie nicht ernst. Manche haben aber ihre Ursache in einem abnormen Herzrhythmus, und eine HRV-App kann das nicht unterscheiden.
Rufen Sie den Rettungsdienst, wenn diese Beschwerden mit Ohnmacht oder Beinahe-Ohnmacht, Brustschmerzen oder Brustdruck, Atemnot, ungewöhnlichem Schwitzen oder Schwindel einhergehen.
Rufen Sie umgehend Ihre Ärztin oder Ihren Arzt an, wenn Sie häufig zusätzliche Schläge bemerken, wenn das Gefühl neu oder anders ist, wenn Sie eine Herzerkrankung haben oder wenn Ihr Ruhepuls Ruheherzfrequenz Wie oft Ihr Herz pro Minute schlägt, wenn Sie völlig in Ruhe sind. Bei Erwachsenen liegt die Ruheherzfrequenz meist bei 60 bis 100 Schlägen pro Minute, bei gut trainierten Sportlerinnen und Sportlern niedriger. Mehr zu Ruheherzfrequenz ohne Anstrengung, Fieber oder Angst über 100 S/min bleibt.
Ein HRV-Wert kann nichts diagnostizieren. Er beschreibt den zeitlichen Verlauf der Schläge. Ob Ihr Herzrhythmus in Ordnung ist, kann eine Ärztin oder ein Arzt mit einem EKG richtig prüfen.
Wie es weitergeht
In der nächsten Lektion, HRV in einem Bild, tragen Sie diese Abstände in ein Diagramm ein und sehen, wie eine App daraus einen Wert macht. Ausführlichere Hintergründe finden Sie unter Was ist HRV?.