Kann die HRV ein Übertraining anzeigen?

Mit der Herzfrequenzvariabilität (HRV) lässt sich ein Übertrainingssyndrom nicht diagnostizieren; Ärztinnen und Ärzte stellen es fest, indem sie andere Ursachen ausschließen. Ein sinkender 7-Tage-Durchschnitt kann ein frühes Warnzeichen sein, doch bei manchen Sportlerinnen und Sportlern im Overreaching steigt die HRV stattdessen. Deuten Sie sie zusammen mit Leistung, Herzfrequenz und Befinden.

Auf dieser Seite 4 Abschnitte

Das Wichtigste in Kürze

  • Ein Übertrainingssyndrom wird festgestellt, indem andere Ursachen ausgeschlossen werden. Kein einzelner Marker, auch nicht die HRV, kann es bestätigen.
  • Im Overreaching kann die HRV sinken, gleich bleiben oder sogar steigen, weil der Einfluss des Vagusnervs auf das Herz zunehmen kann.
  • Wochendurchschnitte aus täglichen Morgenmessungen zeigen Veränderungen, die einzelne Messungen übersehen.
  • Betrachten Sie die HRV zusammen mit Leistung, Ruheherzfrequenz, Stimmung und Schlaf, bevor Sie Ihr Training ändern.

Nicht allein. Die Herzfrequenzvariabilität (HRV) kann darauf hinweisen, dass Ihr Körper das Training nicht verkraftet, besonders wenn Ihr 7-Tage-Durchschnitt nach unten driftet. Ein Übertrainingssyndrom wird aber festgestellt, indem andere Ursachen ausgeschlossen werden, und bei manchen Sportlerinnen und Sportlern im Overreaching steigt die HRV, statt zu sinken.

Drei Stadien, ein Wort

Die Sportwissenschaft unterscheidet drei Zustände (Meeusen u. a., 2013):

  • Funktionelles Overreaching. Ein geplanter harter Block, etwa ein Trainingslager, lässt die Leistung kurz absinken. Nach der Erholung liegt sie höher als zuvor. Das ist normales Training.
  • Nicht funktionelles Overreaching. Die Belastung häuft sich weiter an, ohne dass genug Erholung folgt. Die Leistung stagniert oder sinkt, oft mit Müdigkeit und gedrückter Stimmung, und erholt sich erst nach Wochen oder Monaten.
  • Übertrainingssyndrom. Die Leistung bleibt trotz Ruhe über Wochen oder Monate niedrig, dazu kommen Stimmungsveränderungen. Die Erholung kann Monate oder länger dauern.

Das gemeinsame Konsensuspapier des European College of Sport Science und des American College of Sports Medicine sagt, dass es keinen Test gibt, der ein Übertrainingssyndrom bestätigt. Ärztinnen und Ärzte stellen es fest, indem sie andere Ursachen ausschließen, etwa eine Infektion, zu geringe Energiezufuhr oder Eisenmangel. Zur HRV kam das Papier zu dem Schluss, sie „scheine in der Theorie ein Hilfsmittel zu sein, liefere aber keine einheitlichen Ergebnisse“ (im Original: „seems to be a tool in theory but does not provide consistent results“).

Warum die HRV in beide Richtungen gehen kann

Man könnte erwarten, dass die HRV sinkt, wenn sich Ermüdung aufbaut. Manchmal tut sie das. In einer Fallstudie zu zwei Personen aus dem Spitzentriathlon sank der gleitende 7-Tage-Durchschnitt des lnRMSSD lnRMSSD Der natürliche Logarithmus des RMSSD, ohne Einheit. Das Logarithmieren gleicht die Streuung der RMSSD-Werte aus, sodass sich Veränderungen von Tag zu Tag leichter vergleichen und auswerten lassen. Mehr zu lnRMSSD allmählich in den Wochen, bevor eine der beiden schlecht abschnitt und bei ihr ein nicht funktionelles Overreaching festgestellt wurde; bei der anderen blieb er stabil (Plews u. a., 2012).

Das Gegenteil kommt aber ebenfalls vor. Die Arbeitsgruppe um Le Meur ließ 13 trainierte Triathletinnen und Triathleten drei Wochen lang ein Training mit erhöhter Belastung absolvieren. Alle verloren etwa 9 % ihrer Leistung im Lauftest und holten sie nach einer Tapering-Phase wieder auf. Während der Belastungsphase stieg der Wochendurchschnitt ihrer vagalen HRV an, statt zu sinken, und dieser Anstieg kehrte sich in der Tapering-Phase um (Le Meur u. a., 2013).

Die Arbeitsgruppe um Plews beschreibt bei Spitzensportlerinnen und Spitzensportlern ein weiteres Problem, das sie HRV-Sättigung Parasympathische Sättigung Die Vagusbremse ist so stark, meist bei sehr fitten Menschen mit sehr niedriger Ruheherzfrequenz, dass die Schwankung von Schlag zu Schlag schrumpft. Die HRV sinkt dann, obwohl die Vagusaktivität steigt. Mehr zu Parasympathische Sättigung nennt. Die HRV kann sinken, obwohl die Ruheherzfrequenz Ruheherzfrequenz Wie oft Ihr Herz pro Minute schlägt, wenn Sie völlig in Ruhe sind. Bei Erwachsenen liegt die Ruheherzfrequenz meist bei 60 bis 100 Schlägen pro Minute, bei gut trainierten Sportlerinnen und Sportlern niedriger. Mehr zu Ruheherzfrequenz fällt; ein niedrigerer Wert bedeutet also nicht immer mehr Belastung (Plews u. a., 2013). In ihren Beispielen mit Olympiasiegerinnen und -siegern sowie Weltmeisterinnen und Weltmeistern mussten Anstiege und Abfälle der HRV vor dem Hintergrund des langfristigen Musters der jeweiligen Person gedeutet werden.

Eine Metaanalyse von 2016, die 24 Studien zusammenfasste, ergab dasselbe gemischte Bild. Die vagale HRV in Ruhe stieg bei Training, das die Leistung verbesserte (standardisierter Effekt 0,58 für den RMSSD RMSSD Quadratwurzel aus dem Mittelwert der quadrierten Differenzen aufeinanderfolgender Intervalle: eine HRV-Messgröße in ms, die zeigt, wie stark sich jeder Herzschlagabstand vom nächsten unterscheidet. Spiegelt vor allem die Vagusaktivität wider. Mehr zu RMSSD ). Durch funktionelles Overreaching blieb sie „weitgehend unbeeinflusst“, mit nur einem kleinen Anstieg des RMSSD (0,26) (Bellenger u. a., 2016). Ein hoher oder normaler Wert beweist also nicht, dass Sie erholt sind.

Nutzen Sie den 7-Tage-Durchschnitt, nicht einen Morgen

Einzelne Messungen schwanken von Tag zu Tag stark. In der Studie der Arbeitsgruppe um Le Meur zeigte eine einmal pro Woche gemessene HRV keinen klaren Effekt des Overreachings, der Durchschnitt der täglichen Messungen über jede Woche dagegen schon. Die Arbeitsgruppe um Plews schlägt für den Spitzensport dasselbe Vorgehen vor, zusammen mit dem Blick darauf, wie stark die Messwerte von Tag zu Tag schwanken.

In der Praxis:

  1. Messen Sie jeden Morgen auf dieselbe Weise: zur selben Zeit, in derselben Position, vor Kaffee oder Training.
  2. Verfolgen Sie den gleitenden 7-Tage-Durchschnitt und Ihren üblichen Bereich. Die Lektion So bauen Sie Ihre HRV-Baseline auf zeigt, wie.
  3. Werten Sie eine anhaltende Abweichung aus Ihrem Bereich, egal in welche Richtung, als Anlass, genauer hinzuschauen.
  4. Gleichen Sie sie mit Leistung, Ruheherzfrequenz, Schlaf, Stimmung und Muskelkater ab. Ein Abfall der HRV mit steigender Ruheherzfrequenz und schlechten Einheiten deutet in die eine Richtung. Ein Anstieg mit guten Einheiten deutet in die andere.

Auch ohne besonderes Ereignis schwanken einzelne Messwerte zwischen 37 und 57 ms. Der 7-Tage-Durchschnitt bleibt zwischen 45 und 49 ms.

Ereignis hinzufügen
Simulierter morgendlicher RMSSD der letzten 30 Tage. Normalbereich 43 bis 51 ms.
TagMesswert (ms)7-Tage-Durchschnitt (ms)Ereignis
vor 29 Tagen4148Keines
vor 28 Tagen4347Keines
vor 27 Tagen4746Keines
vor 26 Tagen4545Keines
vor 25 Tagen4645Keines
vor 24 Tagen5246Keines
vor 23 Tagen5146Keines
vor 22 Tagen4547Keines
vor 21 Tagen5248Keines
vor 20 Tagen3747Keines
vor 19 Tagen4246Keines
vor 18 Tagen4045Keines
vor 17 Tagen5245Keines
vor 16 Tagen5746Keines
vor 15 Tagen5347Keines
vor 14 Tagen4246Keines
vor 13 Tagen4146Keines
vor 12 Tagen4647Keines
vor 11 Tagen5349Keines
vor 10 Tagen4648Keines
vor 9 Tagen4346Keines
vor 8 Tagen4545Keines
vor 7 Tagen5146Keines
vor 6 Tagen4647Keines
vor 5 Tagen4747Keines
vor 4 Tagen5247Keines
vor 3 Tagen4146Keines
vor 2 Tagen4046Keines
Gestern4546Keines
Heute5246Keines

Simulierte Messwerte, keine echten Daten. Fügen Sie ein Ereignis hinzu und vergleichen Sie, wie stark sich ein einzelner Morgen verändert und wie stark der 7-Tage-Durchschnitt.

Ein Diagramm mit 30 simulierten morgendlichen RMSSD-Messwerten, die von Tag zu Tag auf und ab springen, mit einer ruhigeren Linie für den 7-Tage-Durchschnitt und einem schattierten Band für den Normalbereich. Nach dem Diagramm folgt eine Tabelle mit allen Messwerten.

Für Entscheidungen im Alltag siehe Soll ich trainieren, wenn meine HRV niedrig ist? und die Seite HRV und Training.

Wann ein Arztbesuch sinnvoll ist

Lassen Sie sich ärztlich oder sportmedizinisch beraten, wenn Ihre Leistung trotz leichteren Trainings und Ruhe länger als einige Wochen niedrig bleibt oder wenn Sie anhaltende Müdigkeit, gedrückte Stimmung, schlechten Schlaf oder häufige Infekte haben. Die Empfehlung des Konsensuspapiers lautet, zuerst eine Erkrankung, zu geringe Energie- oder Eiweißzufuhr und Eisenmangel auszuschließen. Die HRV kann dieses Gespräch unterstützen, aber nicht ersetzen.

Häufige Fragen

Meine HRV ist höher als sonst, aber meine Beine fühlen sich schwer an. Ist das gut?

Nicht immer. In einer Studie mit Triathletinnen und Triathleten, die durch gezielte Mehrbelastung ins funktionelle Overreaching gebracht wurden, stieg die vagale HRV während des harten Blocks, während ihre Leistung sank. Ein hoher Wert bei schlechter Leistung und starker Müdigkeit ist ein Grund, kürzerzutreten, nicht, noch mehr zu geben.

Wie lange dauert die Erholung vom Overreaching?

Kurzfristiges Overreaching klingt bei leichterem Training meist innerhalb von einigen Tagen bis wenigen Wochen ab. Bleibt die Leistung trotz Ruhe über Wochen oder Monate niedrig, lassen Sie sich ärztlich oder sportmedizinisch beraten.

Quellen

  1. Prevention, diagnosis, and treatment of the overtraining syndrome: joint consensus statement of the European College of Sport Science and the American College of Sports Medicine Medicine and Science in Sports and Exercise, 2013
  2. Monitoring Athletic Training Status Through Autonomic Heart Rate Regulation: A Systematic Review and Meta-Analysis Sports Medicine, 2016
  3. Evidence of parasympathetic hyperactivity in functionally overreached athletes Medicine and Science in Sports and Exercise, 2013
  4. Training adaptation and heart rate variability in elite endurance athletes: opening the door to effective monitoring Sports Medicine, 2013
  5. Heart rate variability in elite triathletes, is variation in variability the key to effective training? A case comparison European Journal of Applied Physiology, 2012